Gesundheit

KREBS-Tod: Eine ketogene Ernährung und Hungerphasen

KREBS – und andere wuchernde bösartige Zellen sind stets hungrig. Sie lassen sich dennoch aushungern. Wer ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen hat, lebt meist gesünder, denn er übersteht ganz locker für den Krebs so lebensbedrohliche Fastentage, oder auch eine Ernährungsumstellung

Jean-Jacques Trochon hatte wenig Aussichten, den aggressiven Krebs zu überleben. Nach vielen OPs lehnte er eine Chemo ab und therapierte sich selbst mit einer speziellen Ernährung. Jetzt hat er einen Kongress organisiert, wo sich Experten zum Thema Krebsdiät austauschen.

Von Marion Meiners
Es gibt keine Krebsdiät. Krebs lässt sich nicht aushungern. Fasten kann für Krebspatienten gefährlich werden. Solche und ähnliche Warnungen finden sich in Patientenratgebern, verfasst von Experten. Plötzlich aber kursieren auch gegensätzliche Informationen, ebenfalls von Experten: Krebspatienten brauchen Fett und keine Kohlenhydrate.

Oder: Kurzzeithungern schadet auch bei Krebs nicht. Was stimmt denn nun? Und was passiert im Körper, wenn man plötzlich anders isst oder womöglich gar nichts?

Nach neun Jahren war der Krebs wieder da
Einer, der damit überraschende Erfahrungen gemacht hat, ist Jean-Jacques Trochon, 56. Nierenkrebs lautete im Jahr 2003 die unbarmherzige Diagnose. „Innerhalb von 24 Stunden hatte man mir die krebsbefallene Niere entfernt“, erinnert sich der bis dahin 11256181kerngesunde Linienpilot der Air France.
Neun Jahre später kehrte der Krebs zurück. Insgesamt 26 Metastasen und auch den Mittellappen der rechten Lunge mussten die Ärzte in den folgenden zwei Jahren entfernen. Kaum war eine Operation überstanden, wucherten schon neue Krebsherde in beiden Lungenhälften.

Plötzlich waren die Metastasen verschwunden
Statistisch überlebt in diesem Stadium trotz aller Therapien nur etwa jeder 20. Patient die nächsten fünf Jahre; meist streut das aggressive Karzinom seine Ableger schnell in Knochen, Leber, Lymphknoten oder ins Gehirn. Auch bei dem Piloten waren die Aussichten eher düster aus. Zumal der 56-Jährige zur Besorgnis seines Onkologen sowohl eine Chemo- wie auch eine Antikörpertherapie abgelehnt hatte. Doch bei der nächsten Untersuchung fanden die Ärzte – nichts. Keine einzige Metastase. „Auch nicht bei der nächsten oder bei den übernächsten Kontrollen.“

Ein Wunder? Eine Spontanheilung? Weder noch, beteuert der Flugkapitän, der sich nach der Diagnose vorgenommen hatte, den Krebs mit aller Kraft auf anderem Weg zu bekämpfen. Dazu hatte er zunächst alles über den Einfluss von Ernährung oder Fasten auf Krebszellen gelesen, Wissenschaftler und Mediziner in aller Welt kontaktiert.

Weniger essen, mehr Kraft

Zunächst hatte Trochon auf Zucker und schnelle Kohlenhydrate – als Düngemittel für Krebszellen verdächtigt – verzichtet. Dann wagte er einen ungewöhnlichen Versuch: Er stellte das Essen ganz ein. Zu seiner Verblüffung ging es ihm ab dem zehnten Hungertag plötzlich besser.

Im Anschluss begann der kranke Airline-Pilot, sich ketogen zu ernähren: Er aß viele Fette und Öle und fast keine Kohlenhydrate mehr; unterbrochen nur von fünftägigen Fastenperioden alle sechs bis acht Wochen. Zufall oder Folge dieser Maßnahmen – bis heute blieb der Flugkapitän krebsfrei. „Die Krankheit ist ohne spezifische medizinische Behandlung unter Kontrolle“, bestätigt sein Onkologe, der Pariser Nierenkrebsspezialist Dr. Bernard Escudier.

Mehr als ein „anekdotischer Einzelfall“
Statistisch gesehen gilt ein so positiver Verlauf einer Krebserkrankung ohne weitere medizinische Maßnahmen als „anekdotischer Einzelfall“. Tatsächlich aber gibt es mittlerweile mehrere solcher ungewöhnlichen Kankheitsverläufe, bei denen auch Lebensstiländerungen eine Rolle gespielt haben können. Mehrere – meist kleinere – Studien mit Patienten, die an fortgeschrittenen Krebserkrankungen litten, zeigen, dass Ernährungsstrategien wie die ketogene Diät oder zeitweises Fasten gut verträglich sind, die Lebensqualität erhöhen und zum Teil sogar eine Schrumpfung von Tumoren zur Folge haben.

Hungern als Therapie

Noch vor wenigen Jahren wäre es verpönt gewesen, Krebspatienten vor, während oder nach einer Chemotherapie hungern zu lassen. Heute wird genau diese Strategie weltweit in mindestens zehn Studien mit Krebspatienten untersucht; etwa von der renommierten Mayo Clinic oder von der Berliner Charité.
Vorreiter der Methode ist Biologe und Alternsforscher Valter Longo von der University of Southern California. Er hatte in Tierversuchen festgestellt, dass bei Mäusen, die zwei bis drei Tage vor einer Chemotherapie nichts zu fressen bekamen, die Behandlung mit Zellgiften um 40 Prozent besser wirkte als die Chemotherapie allein. Und: Mehr als die Hälfte der getesteten Krebsarten hatte sogar allein auf das Fasten reagiert. Krebszellen lassen sich offenbar durch das Hungern austricksen.
Mehr Fett, weniger Zucker hilft Krebspatienten
Auch die ketogene Diät als Ernährungsstrategie bei Krebs ist populärer denn je. Darunter versteht man eine Ernährung, bei der rund 70 Prozent der täglichen Kalorien aus Fetten und Ölen stammen. Lediglich 30 Prozent der Nahrung sollen aus Eiweiß und einem kleinen Anteil an Kohlenhydraten bestehen.
„Blattsalat mit Olivenöl, Nüssen und einer Avocado entspricht einer solchen Zusammensetzung“, sagt Biologin Ulrike Kämmerer von der Universität Würzburg. Die Professorin hatte bereits in einer kleinen Studie mit Krebspatienten, denen keine andere Therapie mehr half, die Verträglichkeit dieser Kost nachgewiesen.

„Die ketogene Diät imitiert die Wirkung des Fastens – obwohl man dafür nicht hungern muss“, sagt Kämmerer.

Muskelaufbau statt Gewichtsverlust

Ein weiterer Effekt der fettreichen Low-Carb-Ernährung: Sie fördert den Muskelauf- und den Fettabbau. Für Krebspatienten bedeutet das: Sie entwickeln mehr Kraft. Für Krebszellen aber, die für ihr Wachstum mehr Glukose (Blutzucker) als gesunde Zellen brauchen, kann der Zuckerentzug bedeuten: Sie wachsen weniger schnell oder gar nicht mehr.

Kongress zu „Krebs und Ernährung“

Ob durch die neuen Ernährungstherapien eine Krebsheilung in Sicht rückt, muss erst durch weitere Studien geprüft werden. Solche Untersuchungen sind im Vergleich zu Medikamentenstudien eher spärlich gesät. Deshalb wurde jetzt Flugkapitän Trochon, zutiefst beeindruckt vom Einfluss der Ernährung auf seine eigene Gesundung, selbst aktiv.

Dank seiner neu gewonnenen weltweiten Kontakte zu Medizinern und Forschern organisierte er kurzerhand für September einen Medizinkongress in Paris, bei dem sich internationale Experten über ihre Erkenntnisse zum Fasten, zur ketogenen Diät und anderen natürlichen Anti-Krebs-Strategien austauschen und auf dem auch Patienten von ihren Erfahrungen berichten. Unterstützt wird das dreitägige Event unter anderem durch die Fluglinie Air France, den Arbeitgeber des Flugzeugführers; geleitet wird es vom Direktor des Krebsforschungsinstituts Gustave Roussy, dessen Mediziner Trochon behandelt hatten.

 

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