Politik

Ukraine nur noch ein alter Schwamm, der Weg in den Abgrund

„Der Unabhängigkeitstag der Ukraine: 26 Jahre auf dem Weg in den Abgrund“

Vom Westen verraten und von Russland ignoriert

Vor 26 Jahren war die Ukraine die wohl reichste unter allen ehemaligen Sowjetrepubliken. Unter anderem waren auf ihrem Territorium etwa 40 Prozent der ganzen schweren Industrie und 60 Prozent aller sowjetischen Rüstungsbetriebe konzentriert. Wie wurde es dann möglich, dass das Land seitdem den Weg zur totalen Verarmung gegangen ist?

Die Landwirtschaft florierte. Die Gesellschaft war durchaus stabil. Die Arbeitsressourcen waren hochqualifiziert, und die Infrastruktur im Bildungswesen war hervorragend. Nach der Wirtschaftsgröße war die Ukraine mit Deutschland, Großbritannien und Frankreich vergleichbar.

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Für die Verteidigung der Ukraine war damals die größte Truppengruppierung in der ganzen Sowjetunion (etwa eine Million Soldaten) zuständig, die damals über neueste Waffen verfügte. Darüber hinaus hatte Kiew das weltweit drittgrößte (nach den USA und Russland) Atomwaffen-Arsenal und durfte sich über viele zivile und Kriegsschiffe freuen.
Hinzu kamen die damals ideale Verkehrsinfrastruktur und die äußerst günstige geografische Lage auf den wichtigen Handelswegen zwischen Russland und Europa sowie auch zwischen dem Norden und dem Süden.

Wie wurde es dann möglich, dass dieses Land mit einer wohlhabenden Bevölkerung, wo es so gut wie keine inneren Kontroversen gab, im Laufe von nur 26 Jahren den Weg von Wohlstand und Stabilität zur totalen Verarmung, zum Zerfall und dem blutigen Chaos des Bürgerkriegs gegangen ist?

Die Eliten in Kiew begründen die entstandene Situation wie folgt: „Der Westen hat uns verraten, und Russland wird uns nie verzeihen.“ Aus dieser Formel darf man schließen, dass sich die Ukraine selbst für eine passive Rolle entschieden hat: Es passiert etwas, aber ohne ihre unmittelbare Beteiligung und unabhängig davon, ob sie das will oder nicht. Das Land wird als Opfer der Unfairness („Der Westen hat uns verraten“) und Grausamkeit („Russland verzeiht uns nie“) anderer Seiten dargestellt.

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In Wahrheit aber wurden alle wichtigsten Entscheidungen, die sowohl die außenpolitische Lage der Ukraine als auch ihre innenpolitische und wirtschaftliche Entwicklung bestimmten, ausgerechnet in Kiew getroffen.

In den 1990er Jahren war der Westen, der noch keine „Systemkrise“ erlebt hatte, viel stärker als Russland. Aber für die Ukraine wurde die allgemeine Überlegenheit des Westens durch die Nähe zu Russland und den besonderen Charakter der bilateralen Beziehungen ausgeglichen. Immerhin hatten Russland und die Ukraine jahrhundertelang koexistiert. In dieser Zeit war quasi eine einheitliche Wirtschaft entstanden, deren einzelne Teile getrennt voneinander nicht weiterbestehen konnten, obwohl verschiedene Betriebe sich Ende 1991 über Nacht im Ausland wiederfanden. Auch mehrere Millionen Einwohner der Ukraine und Russland waren miteinander verwandt und nahmen sich als ein einheitliches Volk wahr.

In dieser Situation war Kiew objektiv an aktiver Beteiligung an russischen Integrationsprojekten interessiert, und der kumulative Effekt von der Vereinigung der zwei größten „Splittern“ der sowjetischen Wirtschaft erlaubte beiden Ländern, die Krise der 1990er Jahre mit minimalen Verlusten zu überleben.

Jahre erklärte Kiew offiziell, dass sein strategisches Ziel die Integration in die EU sei und dieses um jeden Preis erreichen würde.

Und da die Ukrainer bereit waren, dafür auch jeden Preis zu zahlen, hemmte sich der Westen gar nicht: Er tat so, dass die ukrainischen Hightech-Branchen so gut wie begraben wurden und dass sich die ukrainische Industrie seit dieser Zeit vor allem auf die Rohstoff- und Nahrungsmittelversorgung spezialisierte. Die ukrainische Wissenschaft bzw. das ukrainische Bildungswesen wurden konsequent vernichtet. Das alles erfolgte im Rahmen der Forderungen des Westens im Allgemeinen und einzelner Länder und Strukturen.

Die Ukraine musste zwar kleine, aber strategisch wesentliche territoriale Zugeständnisse akzeptieren: So bekam Rumänien 70 Prozent des Schelfs in der Nähe der Schlangeninsel im Schwarzen Meer, den Bukarest zu Sowjetzeiten nie zu beanspruchen gewagt hatte. Moldawien bekam von der Ukraine den Zugang zur Donau in der Nähe der Hafenstadt Giurgiulesti geschenkt. Das hatte zur Folge, dass ukrainische Häfen an der Donau wegen der Konkurrenz seitens Moldawiens und Rumäniens ihre Bedeutung verloren und der ukrainische Handel an der Donau schon in den späten 1990er Jahren so gut wie zusammenbrach.

Auf „Bitte“ der USA verzichtete die Ukraine auf den Bau des AKW Bushehr im Iran – hingegen schloss diesen Vertrag Russland ab. Auf „Bitte“ der EU setzte Kiew das AKW Tschernobyl außer Betrieb, dessen von der Katastrophe 1987 nicht betroffene Meiler intakt geblieben waren und Strom produziert hatten.

Dafür versprach der Westen der Ukraine eine Entschädigung, hat aber letztendlich sein Wort nicht gehalten. Auch die Pläne zur gemeinsamen Produktion von An-70-Flugzeugen mit der EU wurden nie in Erfüllung gebracht, aber zu diesem Zweck hatte Kiew die Kooperation mit Russland eingestellt und dadurch ein im Grunde schon entwickeltes Flugzeug begraben.

Dieser Trend ging die ganzen Jahre immer weiter und ließ sich wie folgt formulieren: Die Ukraine war bereit, jegliche Produktion auf ihrem Territorium zu vernichten – außer der, die die EU für nützlich (für sich selbst, versteht sich) hielt.

Die Politiker in Kiew dachten, dass ihr demonstrativer Russland-Hass, ihr Verzicht auf die Kooperation mit Moskau und die Erfüllung aller anderen „Wünsche“ des Westens ihnen die Integration in die EU und die Nato schenken würden.

Dabei wurde die ukrainische Wirtschaft immer schwächer, die ukrainische Bevölkerung wurde immer ärmer, der Staat verlor immer mehr Einnahmen, und der Wohlstand sowohl einfacher Menschen als auch der Eliten wurde immer geringer. Das machte einen Bürgerkrieg in der Ukraine nahezu unvermeidlich.

Aber war der Bürgerkrieg, die wirtschaftliche und demografische Katastrophe in der Ukraine ein Problem des Westens? Nein: Wenn ein Spülschwamm alt wird, wirft der Hausherr ihn einfach weg, ohne darüber böse zu werden und ohne Dankbarkeit für diesen Spülschwamm zu fühlen. Er wird auf einmal nicht mehr nötig. Und ausgerechnet so verhält sich der Westen gegenüber der Ukraine. Im Grunde hat der Westen niemanden verraten – die Ukraine hat ihre Wahl immerhin selbst getroffen. Auch Russland hat nichts, was es der Ukraine verzeihen müsste bzw. könnte. Die Ukraine hat ihre Wahl getroffen, und Russland hat einfach daraus seine Schlüsse gezogen.

Dieser Text ist eine gekürzte Übersetzung des Kommentars von Rostislaw Ischtschenko „Der Unabhängigkeitstag der Ukraine: 26 Jahre auf dem Weg in den Abgrund“. Erstveröffentlicht auf Sputniknews.com

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